Praktikum Paraguay

PERSPEKTIVENWECHSEL: WAS ICH AUS PARAGUAY FÜR DIE SOZIALE ARBEIT GELERNT HABE

Ich bin Belén und studiere im 5. Semester Soziale Arbeit an der Hochschule Merseburg. Wie mein Name vielleicht verrät, komme ich nicht gebürtig aus Deutschland, sondern wurde in Paraguay geboren und habe dort bis zu meinem 18. Lebensjahr gelebt. Nach Deutschland bin ich gezogen, um meine Ausbildung voranzutreiben und meine Bildungs- und Aufstiegschancen zu verbessern. Rückblickend war die Entscheidung, nach Deutschland zu ziehen und an der Hochschule Merseburg zu studieren, genau die richtige Wahl.
Im Rahmen des Studiums müssen wir 600 Stunden Praktikum absolvieren, und von Anfang an war es mein Plan, das Praktikum auch in Paraguay zu machen. Ich entschied mich, es in zwei Teile zu splitten: 300 Stunden in Deutschland und 300 Stunden in Paraguay, um die kulturellen, gesellschaftlichen und sozialen Unterschiede beider Länder besser vergleichen zu können.
 

Bachelorstudentin Belén während ihres Praktikums in Paraguay

Warum Paraguay?

Die Entscheidung für Paraguay war für mich sehr wichtig. Ich wollte nicht nur die Theorie der Sozialen Arbeit lernen, sondern auch die Praxis in meinem Heimatland erleben. Es war mir ein großes Anliegen, die Soziale Arbeit in Deutschland mit der in Paraguay zu vergleichen und herauszufinden, welche Werkzeuge und Ressourcen zur Verfügung stehen und wie die Soziale Arbeit in Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen organisiert ist. Zudem wollte ich mehr darüber erfahren, welche Strukturen und Gesetze vor Ort existieren, um Menschen Hilfe zuteilwerden zu lassen. Deswegen bewarb ich mich bei Habitat für die Menschheit, einer Organisation, die seit 1976 in 72 Ländern weltweit tätig und seit 1998 besonders in Paraguay aktiv ist.

Mein Praktikum zog sich über die Sommermonate 2024. Ich arbeitete hauptsächlich in Asunción, wo ich geboren wurde, sowie in Luque, wo wir mit verschiedenen Familien zusammenarbeiteten. Bei Habitat konzentrierte sich meine Arbeit auf Programme zur Verbesserung der sanitären Bedingungen in benachteiligten Gemeinden.

Die Zusammenarbeit mit Familien, die unter Armut leiden, hat mir neue Perspektiven eröffnet. Ich sah hautnah, wie Korruption und soziale Ungleichheit das Leben vieler Menschen beeinflussen. Trotz der Herausforderungen erlebte ich eine beeindruckende Solidarität innerhalb der Gemeinschaften. Diese Menschen setzen sich aktiv für Veränderungen ein und streben nach einem besseren Leben für sich und ihre Familien.

 

 

Das Empowerment dieser Gemeinschaften war für mich das Highlight meines Praktikums, und ich konnte sehen, wie die Menschen auf die Unterstützung von Habitat reagierten und aktiv an Veränderungen arbeiteten. Es wurde mir klar, wie wichtig es ist, den Menschen Werkzeuge an die Hand zu geben, um ihre Lebensbedingungen selbstständig und dauerhaft zu verbessern.


Soziale Arbeit in Paraguay VS. Deutschland

Die Unterschiede zwischen der Sozialen Arbeit in Paraguay und Deutschland sind erheblich. In Paraguay hat Soziale Arbeit oft wenig politische Bedeutung und erhält kaum offizielle Unterstützung. Viele Projekte sind auf Spenden internationaler Organisationen angewiesen. Dies führte mich zu der Frage: Warum habe ich so viele Möglichkeiten im Leben, während viele andere nicht das Gleiche erfahren? Diese Gedanken haben mich während meines gesamten Praktikums begleitet. 

Ich habe viel über die politischen Strukturen Paraguays nachgedacht und festgestellt, dass viele Dinge verbessert werden könnten. Paraguay ist ein reiches Land mit vielen Ressourcen, dennoch leben fast 40 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Diese Diskrepanz hat mich tief betroffen gemacht.

 

 

 

 

 

Kinder beim Malen

Was nehme ich mit?

Die Erfahrung, mit Menschen aus verschiedenen sozialen und kulturellen Kontexten zu arbeiten, hat mir geholfen, meine Kommunikationsfähigkeiten weiter zu verbessern und ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse benachteiligter Gemeinschaften zu entwickeln. In Deutschland kann ich diese Erkenntnisse nutzen, um empathischer und zielgerichteter in meiner Arbeit mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu agieren. Darüber hinaus habe ich durch die Arbeit an sozialen Projekten gelernt, wie wichtig es ist, Ressourcen effizient zu nutzen und in einem flexiblen, oft unterfinanzierten Umfeld kreative Lösungen zu finden. Diese Fähigkeit wird mir in meiner zukünftigen Arbeit zugutekommen, insbesondere wenn es darum geht, Projekte unter schwierigen finanziellen oder organisatorischen Bedingungen umzusetzen.

Belén unterwegs in Paraguay

Die erlernten Techniken aus den Bereichen Kommunikation, Sozialmanagement und Beratung konnte ich direkt in der Organisation von Service-Tagen und der Arbeit mit den Gemeinden anwenden. Besonders der Umgang mit praktischen Bedürfnissen, wie medizinischer oder psychologischer Unterstützung, hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen zu schaffen, die in vielen Regionen Deutschlands selbstverständlich sind, aber in anderen Teilen der Welt nicht immer verfügbar sind.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich durch meine Zeit in Paraguay nicht nur viel über die Bedürfnisse der Gemeinschaften und die sozialen Herausforderungen vor Ort gelernt habe, sondern auch ein tieferes Verständnis für die politischen und strukturellen Prozesse entwickelt habe, die das Leben der Menschen beeinflussen. Diese Erkenntnisse haben mein Wissen erweitert und werden mir helfen, in meiner weiteren beruflichen Laufbahn und im Umgang mit sozialen Themen noch differenzierter und effektiver zu arbeiten. Dieses Wissen werde ich nicht nur in meinem beruflichen Werdegang nutzen, sondern auch einsetzen, um mein Engagement für soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit in der Welt fortzusetzen.

Ich wünsche jedem die Möglichkeit eines Auslandspraktikums – es eröffnet neue Perspektiven, hilft bei der Übertragung des theoretischen Wissens in die Praxis und gibt uns zu verstehen, welche Möglichkeiten ein Leben in Deutschland bietet und wie glücklich wir uns schätzen können, gerade hier ein Leben führen zu dürfen.

 

 

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Auch Lust auf ein Studium im Ausland an einer unserer Partneruniversitäten bekommen? Dann hilft Ihnen unser International Office / Language Centre bei der Organisation des Aufenthaltes und allen weiteren Fragen rund ums Auslandsstudium gerne weiter.

international.office@hs-merseburg.de

Nach oben